Vulvodynie: Chronische Schmerzen im Intimbereich

Brennen, Stechen oder Druckschmerz im Bereich der Vulva können auf eine Vulvodynie (Vulvaschmerz) hinweisen. Das chronische Schmerzsyndrom bleibt oft lange unerkannt und kann Alltag, Sexualität und Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Eine frühzeitige Abklärung und ein multimodaler Therapieansatz sind entscheidend.

Vulvodynie ist ein chronisches Schmerzsyndrom der Vulva, also der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, ohne nachweisbare infektiöse, dermatologische oder andere eindeutig erklärende Ursache [1]. Charakteristisch sind anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen über mindestens drei Monate. Die Beschwerden werden häufig als Brennen, Stechen, Druckschmerz oder Wundgefühl beschrieben und können Alltag, Sexualität und psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen [1-3, 5].

Vulvodynie wird als multifaktorielles Schmerzsyndrom verstanden. Beteiligt sein können neurogene, muskuläre, immunologische, mikrobiologische, hormonelle und psychosoziale Faktoren [1-6].

Wichtige Fakten:

  • Dauer der Beschwerden: mindestens 3 Monate [1]
  • Diagnose: Ausschlussdiagnose [1]
  • Häufige Form: lokalisierte provozierte Vestibulodynie [2]
  • Typische Symptome: Brennen, Stechen, Druck- oder Wundgefühl [1-3]
  • Häufige Begleitproblematik: Beckenbodenhypertonus [2, 3]
  • Therapieprinzip: multimodaler interdisziplinärer Ansatz [1-3]

Formen der Erkrankung

Die Einteilung erfolgt nach Lokalisation und Auslösbarkeit der Schmerzen [1, 3].

Lokalisierte Vulvodynie

Die Schmerzen betreffen umschriebene Areale der Vulva, meist:

  • Vestibulum vaginae (Vestibulodynie)
  • Klitoris
  • einzelne Vulvaareale

Die lokalisierte provozierte Vestibulodynie ist eine der häufigsten klinischen Formen [2].

Generalisierte Vulvodynie

Hier bestehen diffuse Schmerzen an größeren Teilen oder an der gesamten Vulva. Die Beschwerden treten häufig spontan und unabhängig von Berührung auf [3].

Provozierte Vulvodynie

Die Schmerzen werden durch mechanische Reize ausgelöst, beispielsweise durch:

  • Geschlechtsverkehr
  • Tampongebrauch
  • Gynäkologische Untersuchung
  • Längeres Sitzen

Typisch ist ein positiver Q-Tip-Test bzw. Wattetupfertest [1-3].

Spontane Vulvodynie

Die Beschwerden treten ohne erkennbaren Auslöser auf. Viele Patientinnen berichten über:

  1. Brennen
  2. Stechen
  3. Pulsierende Schmerzen
  4. Wundgefühl

Die Beschwerden treten auch in Ruhe oder nachts auf [3].

Symptome und Verlauf

  • Brennen
  • Stechen
  • Druckschmerz
  • Dyspareunie
  • Wundheitsgefühl

Die Schmerzen können spontan oder berührungsabhängig auftreten [1-3]. Sichtbare Hautveränderungen fehlen häufig vollständig [1].

Viele Betroffene entwickeln zusätzlich:

  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Angst vor Schmerz
  • Vermeidungsverhalten
  • Schlafstörungen
  • Depressive Symptome
  • Somatisierungstendenzen [5]

Ursachen und Risikofaktoren

Die Pathophysiologie gilt als multifaktoriell [1-6]. Diskutiert werden unter anderem:

  • Periphere neuronale Sensibilisierung
  • Erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Vestibulums
  • Neurogene Entzündung
  • Immunvermittelte inflammatorische Prozesse
  • Mastzellaktivierung
  • Hormonelle Faktoren
  • Rezidivierende (wiederkehrende) Infektionen oder Irritationen
  • Beckenbodenhypertonus
  • Zentrale Sensibilisierung
  • Psychosoziale Belastungen
  • Mögliche Veränderungen des vaginalen Mikrobioms [6]

Die Daten zum vaginalen Mikrobiom sind bisher uneinheitlich. Ein systematisches Review beschreibt mögliche Assoziationen zwischen Vulvodynie und verändertem vaginalem Mikrobiom, sieht aber noch keine ausreichende Evidenz für eine gesicherte kausale oder unmittelbar therapeutisch ableitbare Rolle [6].

Diagnose

Vulvodynie ist eine Ausschlussdiagnose [1]. Vor Diagnosestellung müssen ausgeschlossen werden:

  • Candida-Infektionen (Pilzinfektionen)
  • Bakterielle Vaginosen
  • Herpes-Infektionen
  • Lichen sclerosus
  • Kontaktdermatitiden
  • Hormonelle Atrophie
  • Andere vulväre Dermatosen (Hauterkrankungen im Bereich der Vulva) oder Schleimhauterkrankungen

Klinische Diagnostik

Wichtige Untersuchungen sind:

  • Vulvainspektion
  • Q-Tip-Test/Wattetupfertest
  • Palpation (Abtasten) des Beckenbodens
  • Mikrobiologische Diagnostik
  • ggf. Hormonstatus
  • ggf. Biopsie bei auffälligem Hautbefund [1, 3]

Behandlung

Ein multimodaler Therapieansatz gilt heute als Standard [1-3].

Medikamentöse Therapie

  • Lokalanästhetika, z. B. Lidocain
  • Trizyklische Antidepressiva
  • Gabapentin/Pregabalin
  • Topische Kombinationen, z. B. Amitriptylin/Baclofen

Die pharmakologische Evidenz ist insgesamt begrenzt. Für Gabapentin liegt eine randomisierte kontrollierte Studie vor; ein klarer genereller Nutzen ließ sich darin nicht überzeugend belegen [4].

Beckenbodenphysiotherapie

Wichtige Therapieelemente sind:

  • Biofeedback
  • Downtraining
  • Atemtherapie
  • Myofasziale Triggerpunkttherapie
  • Relaxationstechniken

Bei Beckenbodenhypertonus steht Entspannung im Vordergrund. Kräftigungsorientiertes Beckenbodentraining kann Beschwerden verstärken [1-3].

Psychologische und sexualmedizinische Therapie

Sinnvoll sind:

  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Schmerzbewältigung
  • Sexualtherapie
  • Paartherapie

Psychische Komorbiditäten wie Angst, Depression und Somatisierung sind bei Vulvodynie klinisch relevant und sollten aktiv erfasst werden [5].

Operative Therapie

Bei therapieresistenter lokalisierter provozierter Vestibulodynie kann eine Vestibulectomie erwogen werden [1, 2].

Bedeutung

Vulvodynie wird häufig spät diagnostiziert und kann erhebliche Auswirkungen auf Partnerschaft, Sexualität und psychische Gesundheit haben [3, 5]. Die beste Versorgung besteht in einem interdisziplinären Behandlungskonzept aus Gynäkologie, Schmerzmedizin, Physiotherapie und psychologischer bzw. sexualmedizinischer Begleitung [1-3].

Literatur

  1. van der Meijden WI et al.: 2021 European guideline for the management of vulval conditions. J Eur Acad Dermatol Venereol 2022;36:952-972. doi: 10.1111/jdv.18102.
  2. Bohm-Starke N et al.: Treatment of provoked vulvodynia: a systematic review. J Sex Med 2022;19:789-808. doi: 10.1016/j.jsxm.2022.02.008.
  3. Santangelo G et al.: Vulvodynia: a practical guide in treatment strategies. Int J Gynaecol Obstet 2023;163:510-520. doi: 10.1002/ijgo.14815.
  4. Brown CS et al.: Gabapentin for the treatment of vulvodynia: a randomized controlled trial. Obstet Gynecol 2018;131:1000-1007. doi: 10.1097/AOG.0000000000002617.
  5. Ferraz SD et al.: Assessment of anxiety, depression and somatization in women with vulvodynia: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 2024;344:122-131. doi: 10.1016/j.jad.2023.10.025.
  6. Sacinti KG et al.: Is vulvodynia associated with an altered vaginal microbiota?: a systematic review. J Low Genit Tract Dis 2024;28:64-72. doi: 10.1097/LGT.0000000000000780.